GESCHICHTE DER GERLIB CLINIC


Im Frühjahr 1983 trafen mein Mann, Dr. med. Domo Nimene, und ich auf einem polnischen Containerschiff in Monrovia ein, der Hauptstadt Liberias, mit Aufenthalten in Antwerpen, Gran Canaria, Dakar und Banjul. Es war geplant, dass mein Mann in einem der Regierungskrankenhäuser als Chirurg arbeitet, während ich mein Studium der Medizin am Dogliotti Medical College fortsetzte.

Eine Änderung unserer Planung bewirkte folgendes Ereignis: Vor den Toren des Catholic Hospitals in Congo Town verblutete ein junger Mann, weil die Eltern nicht in der Lage waren, eine Vorauszahlung für die medizinische Behandlung in Höhe von L$ 600,00 zu leisten. Mein Mann war über diese Begebenheit erschüttert. Er vertrat die Auffassung, dass wegen fehlender finanzieller Mittel dem Patienten die medizinische Betreuung nicht versagt werden durfte. Er hatte ja den hippokratischen Eid geleistet.

Aber auch die unzureichende Gesundheitsversorgung in Liberia trug zur Änderung unserer Planung bei. Wir begannen die Menschen kostenlos medizinisch zu versorgen. Wir mieteten ein Gebäude in New Krutown (Vorort südlich von Monrovia) und errichteten im Herbst 1983 eine kleine Gesundheitsstation. Wir kauften Instrumentarium und Medikamente auf dem lokalen Markt und behandelten die Patienten kostenlos. Auch zuhause konsultierten uns Patienten, sie wurden auf der Veranda behandelt. Im Herbst 1984 verschlechterte sich der Gesundheitszustand meines Mannes. Er benötigte dringend eine Herzoperation. Während sich mein Mann von den Strapazen der Herzoperation in Europa erholte, sammelte ich für unsere Gesundheitsstation medizinisches Instrumentarium, Medikamente und stellte Kontakte her, damit unsere Arbeit in Liberia gesichert war. Ein Container mit Hilfsgütern wurde beladen und nach Liberia verschifft. Mein Mann und ich kehrten im Frühjahr 1985 nach Liberia zurück.


Unsere Arbeit

Im November 1985 eröffneten wir in Paynesville (Vorort von Monrovia, im Nordosten gelegen) die GERLIB (German Liberian) CLINIC ‘Dr. med. Domo Nimene’. Zu Beginn unserer Arbeit beschränkten sich die Sprechstunden auf den Nachmittag und den Abend. Aber bereits im Frühjahr 1986 stellte die Gesundheitsstation der Bevölkerung anfänglich einen ganztägigigen und später einen 24-Stunden-Dienst zur Verfügung. Es wurde kurative und präventive Medizin angeboten.

Das Vorsorgeprogramm umfasste das Impfprogramm, Betreuung während der Schwangerschaft, Mutter- und Kindbetreuung, Ernährungsberatung mit Betonung auf Stillen, Hygienehinweise, Aufklärung zur Krankheitsvermeidung (insbesondere Malaria, Diarrhoe, Tuberkulose) sowie Aufklärung über die Gefahr von HIV/AIDS. Neben der Behandlung von Verletzungen, inneren und gynäkologischen Erkrankungen, wurden auch Operationen, insbesondere im Bauchbereich, durchgeführt.

Das German Liberian Health Center wurde Anfang 1987 in New Krutown eröffnet. Zwei Hebammen und eine Krankenschwester wurden eingestellt und die Station bot der Bevölkerung 24 Stunden medizinische Versorgung an. Wir unternahmen Hausbesuche, um uns auch über die Lebensumstände der Bevölkerung zu informieren. Das Vorsorgeprogramm der GERLIB CLINIC wurde spatter auch im GERMAN LIBERIAN HEALTH CENTER fortgeführt.

In New Krutown fehlte es an Toiletten und zahlreiche Wasserpumpen waren nicht funktionstüchtig. Diesen Mangel wollten wir gemeinsam mit den Einwohnern von New Krutown beheben. Ende 1988 schlossen wir uns zu der ‘New Krutown Development Cooperative’ zusammen, um den Bau von Toiletten und die Reparatur der Wasserpumpen vorzunehmen. Die Mitglieder sollten die handwerklichen Arbeiten vornehmen, die Europäische Union (EU) wollte finanzielle Mittel für den Materialkauf zur Verfügung stellen. Die Realisierung dieses Vorhabens wurde durch den Bürgerkrieg, der Ende 1989 ausbrach, verhindert.

In diesen Krisen-Jahren erhielten wir von Freunden und Bekannten aus Deutschland moralische und materielle Unterstützung. Zu nennen sind hier die Dritte-Welt-Gruppe Itzehoe sowie Freundeskreise aus Bonn, Fritzdorf und Meckenheim. Von offizieller Seite wurde unsere Arbeit von der Arbeiterwohlfahrt Bonn, der Stadt Düsseldorf, der Stadt Itzehoe und der Deutschen Botschaft in Monrovia unterstützt.

Die GERLIB CLINIC im Freihafen von Monrovia wurde im Herbst 1989 eröffnet. Die Clinic war 24 Stunden geöffnet und bot den Hafenarbeitern medizinische Versorgung. Mein Mann und ich sahen uns endlich am Ziel unserer Wünsche. Zum einen leisteten wir medizinische Versorgung gegen Bezahlung, zum anderen konnten wir durch diese Einnahmen die Ärmsten der Armen kostenlos medizinisch betreuen. Doch der am 24. Dezember 1989 ausgebrochene Krieg zerstörte dieses Vorhaben wieder.

Wie ich den Krieg erlebte

Am 24. Dezember 1989 begann der Krieg in Liberia. Ich hatte meine Familie und Freunde seit zwei Jahren nicht mehr gesehen und war Anfang Dezember 1989 nach Deutschland gereist. Auf meinem Rückflug nach Liberia am 28. Dezember erfuhr ich vom Bürgerkrieg - nicht ahnend, dass ich im kommenden Jahr Brutalität und die Missachtung elementarer Menschenrechte in einem unvorstellbaren Maße kennenlernen würde.

Nach Beginn der Kämpfe im Nordosten Liberias veränderte sich das Stadtbild Monrovias. Es strömten immer mehr Menschen aus dem Landesinnern nach Paynesville und Monrovia. Sie berichteten von furchtbaren Massakern. Der Autoverkehr in den Straßen nahm ab, die Regale in den Geschäften der Innenstadt leerten sich und wurden nicht mehr aufgefüllt. Der internationale Flugbetrieb wurde im April 1990 eingestellt.

Am 30. Juni 1990 erreichten die von Charles Taylor angeführten Rebellen der National Patriotic Front of Liberia (NFPL) Paynesville. Ein Kommandeur besuchte uns am frühen Nachmittag. Voller Selbstbewusstsein zeigte ich ihm das von der Deutschen Botschaft ausgestellte Dokument. Dies besagte, dass wir und alle auf dem Grundstück weilenden Personen sowie der Grund und Boden unter dem Schutz der Deutschen Botschaft stehen würde. Wie der Kommandeur das Dokument handhabte, hatte ich den Eindruck, dass er noch nicht einmal lesen konnte. Er gab mir das Dokument zurück mit den Worten „feel free“ und verließ uns. Um 12.00 Uhr am 30. Juni 1990 wurde die Elektrizitätsversorgung unterbrochen. Dieser Zustand besteht bis zum heutigen Tag in Liberia. Drei Tage zuvor war der Mount Coffee Damm zerstört und damit die gesamte Wasserversorgung für Monrovia unterbrochen worden. Auch dieser Zustand besteht bis zum heutigen Tag. In der gleichen Nacht begannen die Rebellen zu schießen. Mein Mann und ich verbrachten die Nächte liegend auf dem Boden, mal robbten wir unter den Tisch, mal ins Badezimmer, mal in den Kleiderschrank, Schutz suchend vor den Schüssen.

So ging es 14 Tage. Das größte Problem jedoch war der Mangel an Wasser. Eines Nachts begann es zu regnen. Mein Mann und ich sammelten Schüsseln und Eimer im Haus und stellten sie in den Regen, auch dies in robbender Bewegung. Die Schießereien, auch während der Nacht, wurden zwischendurch kurz unterbrochen. Diese „Ruhepausen“ waren die einzige Erholung. Die Kämpfe führten zu Verletzungen, insbesondere Schussverletzungen. Die Rebellen kamen zu uns ins Haus zur Behandlung. Mein Mann und ich entfernten häufig im Schein von Autoscheinwerfern die Kugeln und versorgten die Wunden. Die Rebellen trugen Amulette, die sie vor Schussverletzungen schützen sollten. Eine Erklärung, warum sie dennoch verletzt wurden, konnten sie uns nicht geben. Im Gegenzug verlangte ich von den Rebellen, auch die Zivilbevölkerung medizinisch versorgen zu können. Von 8.00 Uhr morgens bis abends 17.00 Uhr behandelte ich die Menschen. Mein Mann war von den sog. Kindersoldaten misshandelt worden und erkrankt. Er konnte mich nur noch bei chirurgischen Eingriffen unterstützen. Die Krankheit meines Mannes war schließlich Grund für uns, Liberia zu verlassen, sobald sich dazu eine Gelegenheit bot.

Die Menschen flohen vor Präsident Doe`s Soldaten der Armer Forces of Liberia (AFL). Von Monrovia kommend passierten sie unser Haus auf dem Weg zur Duport Road. Es waren junge und alte Menschen, Frauen und Kinder, nur mit dem notwendigsten bekleidet, ohne Schuhe und mit einem häufig leeren Wasserkanister tippelten sie an unserem Grundstück vorbei. Schuhe, Gürtel oder Uhren waren den Menschen bereits von den Rebellen an den zahlreichen Checkpoints abgenommen worden. Die Flüchtenden mussten an den Checkpoints ihren Dialekt sprechen. Sprachen sie Kran wurden sie gleich exekutiert, auch, wenn der Rebell die Zugehörigkeit zur Ethnie der Kran nur vermutete. Vor unserem Grundstück war auch einer dieser Checkpoints und gleich daneben eine Exekutionsstätte. Der bereits verlorene Krieg hinderte Präsident Doe`s Soldaten nicht daran, am 30. Juni 1990 600 Frauen, Männer und Kinder, die in der Lutheran Church in Monrovia Zuflucht vor den Gefechten gesucht hatten, in einem Akt sinnloser Brutalität zu massakrieren. Eine Frau kam mit ihrem zwei Tage alten Baby zur Behandlung. Ihr Mann und ihr kleiner Sohn hatten in der Kirche den Tod gefunden. Auch mein Mann sollte während einer Behandlung von Rebellen, die in Begleitung von Kindersoldaten zu uns kamen (die Kinder waren nicht in der Lage, die Kalaschnikow zu tragen und zogen diese hinter sich her), seinen Dialekt sprechen. Mein Mann gehörte der Ethnie der Kru an. Die Kindersoldaten konnten nicht ausmachen, dass mein Mann Kru sprach. Fast eineinhalb Stunden traktierten sie meinen Mann. Um ruhig zu bleiben, stand ich angelehnt an einem Pfeiler unserer Veranda, die Arme verschränkt. Ich stellte Überlegungen an, wie ich den Mord an meinem Mann verhindern konnte. Endlich konnten die älteren Rebellen die Kindersoldaten überzeugen, meinen Mann nicht zu exekutieren: „Look that is our doctor, if you are going to kill him, there will be no doctor who can treat us“.

Nach diesem Vorfall ergriffen wir die nächste Möglichkeit, um das Land zu verlassen. Ich hatte zwischenzeitlich zwei französische Journalisten kennengelernt, während ich die Patienten mit Genehmigung der Rebellen durch das Kampfgebiet transportieren durfte. Die beiden Journalisten kamen am Abend des 14. August 1990 zu uns nach Hause und informierten uns, dass die Deutsche Botschaft am kommenden Morgen im Konvoi Liberia verlassen würde. Ich hatte bereits die Überseekiste mit den wichtigsten Dokumenten und Kleidungsstücken gepackt, sie musste nur noch eingeladen werden. Mein Mann fuhr mit den Journalisten im Auto. Ich fuhr allein in unserem Auto hinterher.
Exekutionsstätte
Es war furchtbar: Leichen und Leichenteile, zerstörte Häuser und Hindernisse auf der Fahrt von der Duport Road zur Deutschen Botschaft in Congo Town. Es war eine unwirkliche Atmosphäre; die Luft geschwängert von Leid und Trauer. Mein Herz war schwer, weil ich so viele Menschen zurücklassen musste. Am nächsten Morgen, dem 15. August 1990, verließen wir im Konvoi des Deutschen Botschafters, Botschaftsangehörigen und Diplomaten anderer Nationalität Liberia. Die Fahrt war eine Odyssee für mich. Nach all den strapaziösen Wochen war ich nicht mehr in der Lage, Auto zu fahren. Schneller als 60 km/h konnte ich nicht fahren, dies war den Fahrern der übrigen zwanzig Fahrzeuge jedoch zu langsam. Ich war bereit umzukehren, weil meine Kräfte versagten. In Kakata übernahm ein anderer Fahrer das Steuer, der uns im Konvoi sicher bis nach Abidjan, der Hauptstadt der Elfenbeinküste, fuhr.

In Deutschland eingetroffen, schwor ich, niemals mehr einen Fuß auf liberianischen Boden zu setzen. Unsere Gedanken kreisten jedoch immer wieder um die zurückgelassenen Menschen in Liberia, die ohne Nahrung und Wasser waren. Immer wieder sah ich die bis auf Haut und Knochen abgemagerten Menschen vor meinem geistigen Auge, die wir auf unserer Fahrt durch das zerstörte Liberia gesehen hatten. Nach dreitägigem Aufenthalt in Deutschland hielten mein Mann und ich diese Anspannung nicht mehr aus. Wir begannen nationale und internationale Hilfsorganisationen auf das Elend in Liberia aufmerksam zu machen. In den deutschen Medien fanden sich nur wenige Artikel und Dokumentationen, die über den furchtbaren und grausamen Krieg in Liberia berichteten.

Zurück in Liberia mit Komittee Cap Anamur

Die Resonanz auf unsere Bitte, den Menschen in Liberia zu helfen, finde ich im Nachhinein sehr interessant. Einige der nationalen und internationalen Hilfsorganisationen waren der Meinung, für eine Unterstützung in Liberia sei es zu früh. Andere Hilfsorganisationen vertraten die Auffassung, dass keine Unterstützung gewährt werden könnte, da mein Mann und ich „Privatpersonen“ seien. Umso erfreulicher war es, dass Komitee Cap Anamur Köln sich bereit erklärte, ein Schiff mit 1.500 Tonnen Lebensmitteln sowie Medikamenten für die Menschen in Liberia zur Verfügung zu stellen. Dieses unbürokratische Vorgehen rettete Tausende Menschen vor dem Hungertod. Am 6. Dezember 1990 liefen wir mit dem Schiff ‘Dunica Sunrise Komitee Cap Anamur VI’ in den Hafen von Monrovia ein. Das Team von Komitee Cap Anamur bestand aus einer Krankenschwester, einem Techniker, meinem Mann und mir. Ich koordinierte das Nothilfeprojekt. Zum einen errichteten wir „Therapeuting Feeding Center“; zum anderen traten wir Nahrungsmittel an FAO und die internationalen Hilfsorganisationen wie MSF (Medicine Sans Frontier) und AICF (Action International Con Faim) ab, da diese Organisationen über keine Nahrungsmittel verfügten.
Ankunft der Dunica Sunrise Komitee Cap Anamur VI (Krankenschwester Ulrike, ECOMOG Soldat),
im Hintergrund auf dem Schiff die Crew der Dunica Sunrise

(Foto: Margret Gieraths-Nimene)
Am 24. Dezember 1990 wurde das erste „Therapeuting Feeding Center“ eröffnet und 131 Kinder stationär aufgenommen. Schulen und leer stehende Häuser wurden als Krankenstation genutzt. Die Kinder lagen auf Matten. Meine Freundin in Bonn hatte Kleidung, Handtücher und Seife für die liberianische Bevölkerung gesammelt, so dass ich die kleinen Patienten mit dem Allernötigsten ausstatten konnte. Da die an Kwashiorkor und an Marasmus leidenden Kinder besonderer Pflege bedurften, viele aber elternlos waren, erklärten sich Erwachsene bereit, den kranken Kindern beim Waschen, Essen, Toilettengang etc. behilflich zu sein. Ganz besonders benötigten die kranken Kinder aber Zuwendung, die sie von den Erwachsenen erhielten. Dies führte auch zu einer großen Entlastung des medizinischen Pflegepersonals. Neben der Mangelernährung litten die Kinder an Malaria, Bronchitis, Wurmerkrankungen und Verletzungen. Waren Anfang Dezember 1990 nur eine Handvoll internationaler Hilfsorganisationen in Liberia, so waren es Ende März 1991 bereits 51 Organisationen. Einige davon brachten Hilfsgüter mit, andere entsandten nur Experten. Die Ernährungslage hatte sich aufgrund der Vielzahl der internationalen Hilfsorganisationen gebessert, so dass Komitee Cap Anamur nach einem sechsmonatigen Einsatz die Arbeit dort beendete. Die verbliebenen Hilfsgüter wurden der Internationalen Gebergemeinschaft übergeben.

Als ich im Dezember 1990 mit dem Schiff „Dunica Sunrise“ nach Liberia zurückkehrte, stand ich dem Elend und der Verwüstung in unseren Gesundheitsstationen und unserem Zuhause ohnmächtig gegenüber. Die Türen der GERLIB CLINIC in Paynesville standen weit offen, die Patientenkarten lagen verstreut vor dem Eingang. Instrumentarium, Medikamente, Bestuhlung und andere Hilfsmittel waren geraubt. Von der GERLIB CLINIC im Freihafen von Monrovia waren nur die Grundmauern stehen geblieben.

Zerstörte GERLIB CLINIC
(Foto: Margret Gieraths-Nimene)
Dachstuhl, Türen, Fenster einschließlich Fensterrahmen waren neben dem Inventar und der Medikamente geraubt worden. Unser Zuhause war leergeräumt. Die Lagerhalle war ebenfalls leergeräumt und die Medikamente verschwunden, nur einen Berg entrollter Mullbinden fand ich vor. Sinnlose Verwüstung. Die Arbeit mit den an Kwashiorkor und Marasmus leidenden Kindern und die medizinische Betreuung insbesondere der älteren Menschen halfen mir, über meinen eigenen Verlust hinwegzukommen. Große Sorgen machte ich mir um den Gesundheitszustand meines Mannes, der nun unter epileptischen Anfällen und Gedächtnisverlust litt. Ich konnte auf keine finanzielle Mittel zurückgreifen, da ich mein Erbe bereits in den 80er-Jahren für unsere Arbeit und die Ausstattung unseres Zuhauses verwendet hatte. Ich entschloss mich schließlich schweren Herzens nach Deutschland zurückzukehren. Bevor ich das im Sommer 1991 tat, renovierte ich die GERLIB CLINIC und richtete sie wieder mit dem Notwendigsten ein, damit die medizinische Versorgung für die liberianische Bevölkerung gewährleistet war. Fast zwei Jahre arbeitete ich in Norddeutschland bei einem finnischen Unternehmen als Assistentin der Geschäftsführung. Während dieser Zeit erarbeitete ich eine bescheidene Wohnungseinrichtung und hatte Gelegenheit, weiterhin für Liberia tätig zu sein.

1993 begann ich mein Studium der Soziologie (Schwerpunkt Entwicklungspolitik und Entwicklungsplanung) und Sozialanthropologie an der Universität Bielefeld. 1999 schloss ich das Studium erfolgreich als Diplom-Soziologin ab.

In all den Jahren organisierte ich die Verschiffung mehrer Container mit Hilfsgütern von Deutschland nach Monrovia. Die Finanzierung der Containerverschiffung war u.a. durch den Freundeskreis Liberia e.V. möglich, der 1994 in Bielefeld gegründet worden war. Unter anderem enthielten die Container Medikamente, mechanische Nähmaschinen und Werkzeug. Mit den Nähmaschinen und Werkzeugen wurde die Schaffung einer neuen Existenz ermöglicht, was ebenfalls positiv aufgenommen wurde. Kleine Schneiderwerkstätten, kleine Reparaturstätten für Fahrräder und Autos konnten errichtet werden. Dadurch wurde die Möglichkeit gegeben, den Lebensunterhalt eigenständig zu sichern. Aber auch Decken, Kleidung, Haushaltsgegenstände und Hygieneartikel wurden mitgeliefert, um die Bevölkerung mit dem Allernotwendigsten zu unterstützen. Die Verteilung dieser Hilfsgüter übernahm ich vor Ort.

1996 war ich mit Komitee Cap Anamur für einen Kurzeinsatz in Liberia. Dem Team gehörten noch zwei Krankenschwestern an. Wir waren im Nationalen Tuberkulose Krankenhaus in Congo Town tätig. Mein Mann reiste mit nach Liberia, obwohl bereits schwer erkrankt. Während dieses Aufenthaltes wurden wir zu Hause von bewaffneten jungen Männern überfallen. Aufgrund dieses schrecklichen Ereignisses wurde die Arbeit des Teams eingestellt. Mein Mann und ich kehrten vorzeitig nach Deutschland zurück. Der gesundheitliche Zustand meines Mannes verschlechterte sich. Am 26. Januar 1998 verstarb er in Bielefeld.

Von 2000 bis 2004 arbeitete ich als Entwicklungshelferin des Deutschen Entwicklungsdienstes (ded) im Sudan und war u.a. in den Bereichen Organisationsentwicklung, einkommenschaffende Maßnahmen und Mikrokredite beratend tätig.

Wiederbelebung der Projekte in der GERLIB CLINIC

Am 28. Januar 2006 kehrte ich nach Liberia zurück, hatte ich doch all die Jahre auf eine demokratisch gewählte Präsidentschaft in Liberia gewartet. Die Anwesenheit von 15.000 UN-Soldaten sorgten für Ruhe und ein gewisses Maß an Sicherheit. Das fast über 20 Jahre angemietete Gebäude, in dem die GERLIB CLINIC in Paynesville untergebracht war, musste wegen Eigenbedarfs des Vermieters aufgegeben werden. Ein neues Wohnhaus in unmittelbarer Nähe des alten Standortes wurde angemietet und im Mai 2005 bezogen. Aufgrund der steigenden Patientenzahl wurde ein Anbau im Sommer 2006 und nochmals 2007 mit sechs Zimmern und einer Toilette mit Bad erforderlich. Im Frühjahr 2007 wurde ein 40-kV-Generator in der GERLIB CLINIC in Betrieb genommen, der von InWent Nordrhein-Westfalen finanziert wurde.

Jedoch die Erweiterung des angemieteten Gebäudes reichte nicht aus, um den Bedürfnissen der Bevölkerung nach medizinischer Versorgung gerecht zu werden. 2010 konnte ich durch die finanzielle Unterstützung des Landes Nordrhein Westfalen in Kooperation mit InWent, Düsseldorf und Freunden des Förderkreises Liberia e.V. ein 18-Betten-Krankenhaus errichten. Im Oktober 2010 erfolgte die offizielle Einweihung in Anwesenheit des Deutschen Botschafters, Vertretern der liberianischen Regierung und Mitgliedern der Deutschen Community hier in Liberia. In der GERLIB CLINIC stehen den Patienten eine ambulante und eine stationäre Abteilung (18 Betten) zur Verfügung, so wie moderne Diagnostikmöglichkeiten wie Ultraschallgerät, Röntgengerät und Labordiagnostik. Dies wurde durch die finanzielle Förderung von action medeor, Toenisvorst, und GIZ (Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit), Eschborn, ermöglicht.

Neben der kurativen Medizin, die Operationen und Entbindungen einschließt, richtet sich die Arbeit ebenfalls auf die präventive Dienstleistung. Diese wird bereits seit 1985 der liberianischen Bevölkerung kostenlos angeboten. Dazu zählen folgende Programme:

• Immunisierung

• Vor- und Nachbetreuung der Schwangerschaft

• Mutter-und-Kind-Betreuung

• Aufklärung: Ernährung mit Betonung auf Stillen, Hygiene, Vermeidung von Krankheiten (Malaria, Tuberkulose)

• HIV/AIDS (Beratung, Testen, Behandlung)

• Tägliche Gesundheitsinformation für die wartenden Patienten

2013 behandelten wir mehr als 14.000 Patienten in der GERLIB CLINIC und betreuten 1.735 Frauen während ihrer Schwangerschaft. 2.467 Kinder wurden geimpft (BCG, Kinderlähmung, Masern, Penta 1-3: Tetanus, Keuchhusten, Hepatitis B) und insgesamt 2.676 Frauen gegen Tetanus, von denen 1.636 Frauen schwanger waren.

Insgesamt wurden 621 Personen auf HIV/AIDS getestet, von denen 390 schwangere Frauen waren und 141 nicht schwangere Frauen. Von diesen wurden 14 schwangere und 26 nichtschwangere Frauen HIV/AIDS-positiv getestet. 90 Männer wurden auf HIV/AIDS getestet und 11 davon stellten sich als positiv heraus..

Am 2. September 2013 wurde in der GERLIB CLINIC ein Ausbildungsprogramm für Schwesternhelferinnen begonnen, an dem jedes Jahr 10 Frauen teilnehmen. Das Programm wird finanziert vom Oberhausen Rotary Club in Kooperation mit Mühlheim Inner Wheel und war ursprünglich auf drei Jahre ausgelegt.